Naturschutz

Dr. Oliver Keuling

„Sauschlau“ – Aktuelles aus der Schwarzwildforschung

Anläßlich der Jahreshauptversammlung der Jägerschaft Seesen berichtete Dr. Oliver Keuling über neue Ergebnisse bei der Schwarzwildforschung.

Der Referent ist seit mehreren Jahren als Mitarbeiter der Tierärztlichen Hochschule Hannover auf diesem Spezialgebiet tätig. Dabei geht es vor allem um das Verhalten von Schwarzwild in einer Agrarlandschaft, um Lebensräume und Streifgebiete, Sozialverhalten und Aktivitätszyklen sowie Reaktion auf Bejagung, ein wichtiges Terrain also für Jäger und Nichtjäger

In allen Ländern mit Schwarzwildvorkommen steigt der Bestand ständig an, Deutschland liegt sowohl mit seiner Population als auch der Reproduktionsrate vorn. Damit steigen auch die ökonomischen und ökologischen Gefahren für die betroffenen Regionen. Die Zahl der Wildschadensfälle, Wildunfälle und-krankheiten nimmt zu. Neben den bekannten Krankheiten bei Haus- und Wildschweinen wie Aujeszkysche Krankheit (tödlich für Hunde) und klassische Schweinepest droht mit der Afrikanischen Schweinepest eine neue Gefahr, die die Existenz von Schweinezüchtern und –haltern massiv bedroht.

Die Afrikanische Schweinepest – für den Menschen übrigens ungefährlich – verursacht in ihrem Ursprungsgebiet bei den heimischen Warzenschweinen „höchstens einen leichten Schnupfen“. Für die europäischen Schweinebestände – Haus- wie Wildschweine – ist sie dagegen eine echte Existenzbedrohung. Die Seuche ist hochansteckend, es gibt keine Immunisierung, die Mortalitätsrate beträgt 90%..Eine echte Herausforderung also für ganz Europa auf den Feldern von Ökologie und Ökonomie.

Eingeschleppt wurde diese Krankheit auf Handelswegen. Sie breitete sich entlang der Hauptverkehrswege über die Türkei und Osteuropa bis ins Baltikum aus. Aus diesen Richtungen droht nun auch die Gefahr. Vor diesem Hintergrund ist neben hygienischen Vorbeugemaßnahmen bei der Schweinehaltung auch eine bestmögliche Regulierung der Schwarzwildbestände von Bedeutung. Und dazu sind für die Jäger die vom Referenten geschilderten Forschungsergebnisse besonders wichtig, die nur mit technischen Hilfsmitteln wie Markierung  (700 Stck ), Besenderung ( 250 Stck ) und GPS erzielt werden konnten. Sie ergänzen vorhandene Erfahrungen und Kenntnisse.

Einige Kernpunkte aus den bisherigen Ergebnissen des Projektes:

  • Schwarzwild hat ein starkes Sozialverhalten. Oberhaupt ist die Leitbache, die „für die Rotte wichtig, aber nicht lebenswichtig ist“.
  • Rotten trennen sich in Kleinrotten, wenn sie zu groß werden oder bei Verlust der Leitbache. Junge Keiler verlassen die Rotte eher als junge Bachen.
  • Das Jahresstreifgebiet einer Rotte beträgt etwa 8oo ha, d. h. Schwarzwild ist relativ standorttreu. Die Bewegungen pro Nacht betragen durchschnittlich 4 km, sind also geringer als bisher angenommen.
  • Als Habitate werden Laub- und Nadelwälder sowie Schilfzonen gleich stark genutzt. Ab Frühjahr wird Raps bevorzugt, ab August Mais. Hier entstehen dann Wildschäden, ebenso wie in anderen Getreidearten sowie auf Grünflächen nach deren Mahd.
  • Die Nahrungssuche erfolgt besonders auf Flächen, die (Sicht-)Schutz bieten, die Tiere vermeiden offene Flächen.. So zeigten die Studien, dass die Wildschweine in 96% der Beobachtungen einen Streifen von 45 m im Schutz von Waldrändern und Hecken nicht verließen. „Die Wald-/Feldgrenze wird als gefährlich empfunden.“ Sauschlau also.
  • Den größten Jagderfolg  versprechen großräumige Drückjagden  mit guten Hunden, da die Sauen sich bei kleinräumig anberaumten Jagden – hellhörig durch die Jagdvorbereitungen – rechtzeitig in Sicherheit bringen. Ebenfalls sauschlau.
  • Einzelansitze stören den Tages- und Lebenszyklus der Wildschweine mehr als Drückjagden, nach denen sie sehr schnell wieder in ihre Streifgebiete und Einstände zurückkehren.
  • Schwarzwild hat eine Reproduktionsrate von 260%. Bei einer Sterberate von etwa 15% bei Frischlingen bleiben also 220% jährlicher Zuwachs erhalten. Frischlingsbachen werden in einem Alter von 6 Monaten und bei einem Gewicht von etwa 20 kg geschlechtsreif, spielen aber bei der Vermehrung eine untergeordnete Rolle.
  • Der Bestand an Schwarzwild ist nach derzeitigen Erkenntnissen nur zu regulieren, wenn regelmäßig 80% der Frischlinge bzw. 70% des Sommerbestandes erlegt werden.

Resümee: Schwarzwild breitet sich weiter aus. Die Ursachen dafür, insbesondere für die hohe Reproduktionsrate, müssen noch ermittelt werden.

                                                                                           Hans-Ulrich Arnold

 

 

Neue Ergebnisse aus der Luchsforschung

In einem sehr interessanten Vortrag berichtete der Luchs-Experte des Nationalparkes Harz, Ole Anders, über neue Erkenntnisse bei Jagdverhalten und Wanderbewegungen des Luchses.

Nachdem zu Beginn der Auswilderung von Luchsen im Jahre 2000 auf eine Besenderung der Tiere verzichtet worden war – auch ein Kritikpunkt an diesem Projekt - , sind seit einigen Jahren sieben Luchse besendert und liefern regelmäßig wertvolle Daten zu Streifverhalten, Lebensraum, Jagd- und Freßverhalten sowie Nachwuchs dieser Tiere. Diese Daten werden letztlich auch mitbestimmend sein für den weiteren Verlauf dieses Projektes oder ähnlicher Vorhaben.

Die Ortung der mit einem Halsband versehenen Tiere erfolgt über GPS. Es erfolgen täglich zwei Standortbestimmungen, die zunächst gespeichert werden und jeweils nach drei Tagen per SMS auf dem Computer des Luchsexperten eingehen. Mehrere inzwischen installierte Fotofallen ergänzen diese Daten.

Hinsichtlich Lebensraum bzw. Streifgebiet unterscheiden sich die Geschlechter gravierend. Während weibliche Luchse auf einen Lebensraum von 80 – 120 km² beschränkt sind, liegt dieser bei männlichen Luchsen zwischen 300 und 400 km². Dies hängt auch damit zusammen, dass die Kuder gerade in der Ranzzeit eine heftige Aggressivität an den Tag legen. Es geht um die Eroberung möglichst vieler Weibchen.

Allerdings gibt es auch Extreme. So hat ein männlicher Luchs ein Streifgebiet von 1500 km² „gemeldet“, während eine Luchsin mit Jungen ein Streifgebiet von nur 30 km² hatte – auch ein Extrem -. In diesem Revier gab es nachweislich zunächst viel Muffelwild und damit ausreichend Nahrung.

Ein Jungluchs hat sich innerhalb einer ganzen Woche über eine Strecke von nur 431 m bewegt, ein absolutes Minimum. Er hat offenbar seine Beute bewacht, sich davon ernährt und war damit ausgelastet und zufrieden. Andere Luchse wiederum haben „Reisegeschwindigkeiten“ innerhalb von 24 Stunden, die zwischen 3700 und 39000 m liegen.

Einer der besenderten Luchse hält sich schon längere Zeit im Ohm südlich von Kassel auf. Da er offensichtlich nicht allein ist, könnte dort eine neue „Luchsinsel“ entstehen und damit ein Trittstein zum Luchsvorkommen im Bayerischen Wald

Insgesamt sind Reh- und Muffelwild – von Letzterem gibt es im Harz nur begrenzte Vorkommen – die Hauptbeutetiere. Es gibt aber auch Luchse, die sich auf Rotwild spezialisiert haben. Auch das ist ein erstaunliches Ergebnis dieser Besenderung, dass nämlich eine Luchsin mit 17 kg Körpergewicht Rotwild mit 40 oder 50 kg Körpergewicht reißt. Weitere Ergebnisse zu Jagd- und  Freßverhalten sind, dass die Tiere sehr unterschiedlich reagieren. Gibt es genügend Beute, also Wild, geht der Luchs sehr großzügig mit seiner Beute um. Gibt es wenig Nahrung, bleibt der Luchs am Riß und geht damit sparsam um.

Insgesamt zeigt die Besenderung der Luchse, dass mit Hilfe der Technik eine Reihe von Unbekannten in den Lebensgewohnheiten dieser Tiere zu lösen ist, dass es eine Vielzahl von neuen Erkenntnissen gibt, dass es aber noch ein langer Weg ist, bis man „den Luchs kennt“.

Kinderstube Natur - Rücksicht nehmen auf heimische Wildtiere

– Am 1. April beginnt die Brut- und Setzzeit –

Im Frühjahr erwacht die Natur zu neuem Leben – im wahrsten Sinne des Wortes. Vom Gesetzgeber sind daher für den Zeitraum vom 1. April bis zum 15. Juli, die „Brut- und Setzzeit“ der meisten heimischen Wildtiere, besondere Bestimmungen erlassen. Unter anderem betrifft dies auch die Anleinpflicht für Hunde im Wald und in der freien Landschaft. Die Jägerschaft Seesen bittet daher alle Naturfreunde und Erholungssuchende in den kommenden Wochen um erhöhte Rücksichtnahme beim Spaziergang in der freien Natur.

„Ob Rehkitz, Junghase oder Fasanenküken, die Natur gleicht im Frühjahr einer einzigen Kinderstube“, so Wilfried Faber, Vorsitzender der Jägerschaft Seesen . „Rücksichtnahme ist also dringend erforderlich.“ Von den freilaufenden Vierbeinern gehe in dieser Zeit eine besondere Gefahr aus, denn nicht nur die Jungtiere, auch die Elterntiere seien mitunter stark gefährdet. Hochträchtige Rehe seien bei weitem nicht mehr schnell genug, um vor stöbernden Hunden fliehen zu können.

Auch für die Nicht-Hundebesitzer gilt es einiges zu beachten Tierische Nachwuchspflege unterscheidet sich häufig deutlich von der des Menschen. Zum Schutz der Jungen werden diese tagsüber vom Muttertier häufig allein gelassen. Rehkitze und Junghasen zum Beispiel, sind in den ersten Wochen nahezu geruchlos. In Verbindung mit der angeborenen „ducken-und-tarnen-Strategie“ sind sie so für natürliche Fressfeinde fast unauffindbar. Ricke und Häsin erscheinen nur zum Säugen, in der Zwischenzeit halten sie Abstand zu ihrem Nachwuchs.

Scheinbar verlassene Jungtiere sollten Spaziergänger also auf keinen Fall anfassen oder gar mitnehmen. Das Jungwild nimmt bei Kontakt sofort den Menschengeruch an. Das zurückkommende Muttertier wird durch diesen Fremdgeruch abgeschreckt, die Jungtiere werden so zu Waisen. „Falsch verstandene Tierliebe bewirkt in diesen Fällen leider allzu häufig das Gegenteil“, so Faber weiter.

Auch indirekt können Hund und Mensch den tierischen Nachwuchs gefährden. Nähern sie sich ihrem Gelege, verlässt die Rebhenne ihr Nest mit Eiern oder jungen Küken, um den Feind abzulenken. Rabenvögel wie Krähe oder Elster merken sich diese Stelle – die ungeschützten Gelege sind eine leichte Beute.

„Bitte also auf den ausgewiesenen Wegen bleiben und unbedingt den Hund angeleint führen“, fasst Faber die wichtigsten Verhaltensregeln für den Spaziergang in der freien Natur zusammen.