Mit Fettreserven und Ruhe durch den Winter

Wie heimisches Wild den eisigen Temperaturen trotzt

Der Winter ließ in diesem Jahr auf sich warten, doch seit mehreren Wochen kriecht einem die Eiseskälte förmlich in die Glieder. Wasserrohre frieren ein, Autobatterien versagen ihren Dienst, selbst der Schiffsverkehr musste auf einigen Flüssen und Kanälen aufgrund des Eisganges eingestellt werden. Aber wie geht eigentlich die Natur mit den zum Teil zweistelligen Minusgraden um?

Die Härte des Winters bekommen auch unsere Wildtiere im Landkreis Rotenburg (Wümme) zu spüren, doch dank raffinierter Strategien gelingt es ihnen, die kalte Jahreszeit zu überstehen. Vor allem warmblütige Pflanzenfresser, wie Damwild, Rehwild, Hase, Rebhuhn oder Fasan, sind während der Wintermonate einer doppelten Belastung ausgesetzt: Einerseits steht ihnen weniger Nahrung zur Verfügung, auf der anderen Seite müssen sie mehr Energie für die Wärmeregulation aufbringen. Viele Tiere haben sich im Laufe der Evolution der Kälte angepasst, fressen sich im Herbst eine dicke Fettschicht an, in der Fachsprache „Feist“ genannt, oder legen sich einen Winterpelz zu. Das Haarwild ein dickes Fell, das Federwild eine dicke Daunenschicht. Beides sichert ihnen trotz Kälte und Nahrungsmangel das Überleben in der Natur.

Eine weitere Strategie besteht darin, durch eine verminderte körperliche Aktivität, ein Absenken der Temperatur in der Körperschale oder auch durch die Anpassung der Stoffwechselaktivität an die Qualität und Verfügbarkeit der Nahrung über den Winter zu kommen. Die Anpassung der Wildtiere an Winter und Kälte erfolgt also nach dem Prinzip des Energiesparens. Sie leben quasi auf „Sparflamme“. Dieser „Energiesparzustand“ kann von ihnen aber nur bei absoluter Ungestörtheit in ihren sicheren Einständen aufrechterhalten werden.

Solche Ruhezonen sind jedoch rar geworden, unterliegt der Lebensraum der Wildtiere doch immer häufiger einer intensiven Mehrfachnutzung. Doch gerade die Winterruhe ist in der kalten Jahreszeit überlebenswichtig, denn viele einheimische Wildarten sind sog. Fluchttiere. Bei Beunruhigung ergreifen Rehwild & Co. die Flucht. Flucht bedeutet jedoch einen hohen Energieverbrauch, der kompensiert werden muss. Das Fettpolster wird mit fortschreitendem Winter sehr dünn, insbesondere ab Ende Januar und im Februar werden die Energiereserven sehr knapp. Wird das Wild während dieser Zeit gestört, nehmen die Tiere Schaden. Und auch die Natur leidet: Das gestörte Wild beginnt auf der Suche nach Fressbarem die Rinden von Baumstämmen zu schälen oder Triebe abzuknabbern.

Plötzliche und unerwartete Ruhestörungen wirken sich also mehrfach negativ aus, denn es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Störung, Energieverlust, Nahrungsmangel und der Entstehung von Wildschäden im Wald. Um die Beschwerlichkeiten des Wildes in dieser kalten Jahreszeit nicht noch zu vergrößern, bittet die Jägerschaft Rotenburg (Wümme), das Freizeitverhalten an das Verhalten der Wildtiere im Winter anzupassen und Rücksicht auf deren Bedürfnisse zu nehmen. Daher der Appell: „Gönnen Sie dem Wild die erforderliche Ruhe, bleiben Sie auf den Wegen und betreten sie auf keinen Fall Wildruhezonen und Dickungen. Führen Sie Ihre Hunde jetzt an der Leine, auch wenn derzeit keine Anleinpflicht besteht“.