Kleinbären erobern Niedersachsen

Der Waschbärenbestand steigt explosionsartig an

Kein Neubürger war in jüngster Vergangenheit bei der Eroberung eines neuen Lebensraumes so erfolgreich, wie der Waschbär. Dem ursprünglich aus Nordamerika stammenden Kleinbär, mit wissenschaftlichen Namen Procyon lotor, ist es in den zurückliegenden Jahrzehnten gelungen Deutschland fast vollständig zu erobern. Darüber hinaus ist er inzwischen in nahezu allen mitteleuropäischen Ländern anzutreffen.

Begonnen hat seine Erfolgsgeschichte in den 1920/30er Jahren. Damals gelangte er im Zuge einer florierenden Pelzmode, als wertvoller Pelzträger nach Deutschland. In der Folgezeit konnte er durch mehrere bewusste Aussetzungen, zahlreiche Ausbrüche aus Pelztierfarmen, Tiergärten und privaten Gehegen, einige freilebende Populationen aufbauen, wobei sich zwei Verbreitungsschwerpunkte herausbildeten. Das größere und etwas ältere Kerngebiet geht auf eine Aussetzung am Edersee (1934) zurück und umfasst vor allem die Bundesländer Hessen, Nordrhein-Westfalen (Osten), Thüringen (Westen) und Niedersachsen (Süden). Das jüngere Kerngebiet in Ostdeutschland basiert auf im Jahr 1945 entlaufenen Farmtieren östlich von Berlin - Kreis Strausberg. Neben diesen beiden für Mitteleuropa wichtigsten Initialzündungen gab es bis in die jüngste Zeit hinein verschiedene weitere Aussetzungen und Ausbrüche, so dass der ehemalige Neubürger mittlerweile ein fester Bestandteil der europäischen Fauna ist.

Wurde der Bestand an Waschbären im Jahr 1956 in Deutschland auf ca. 285 Tiere geschätzt, waren es Anfang der 1970er Jahre bereits 20.000 Tiere. Mittlerweile wird von schätzungsweise 400.000 bis 500.000 Waschbären ausgegangen. Wie rasant die Populationsentwicklung in den letzten Jahren in Niedersachsen vorangeschritten ist, kann anhand der Jagdstrecken – der Waschbär gehört in Niedersachsen zum jagdbaren Wild – abgeleitet werden. Kamen im Jahre 1965 in Niedersachsen ganze 15 Waschbären zur Strecke, waren es 20 Jahre später (1985) schon 85 Waschbären. In den nächsten 10 Jahren bis 1995 fand eine Verdoppelung der Jagdstrecke auf 160 Waschbären statt. Weitere 10 Jahre später (2005) war sie mit 2.426 Waschbären bereits 15-mal so hoch. Vier Jahre später erfolgte die nächste Verdoppelung (2009) auf 4.380 Waschbären. Den Rekord stellt jedoch eine Steigerung um 46% oder 2.029 Waschbären im letzen Jagdjahr (2010/2011) in Niedersachsen, auf nunmehr 6.409 Waschbären dar. Den Landkreis Rotenburg (Wümme) beginnt der Waschbär derzeit erst zu erobern. Kamen im Jagdjahr 2007/2008 nur 9 Waschbären zur Strecke, waren es im letzten Jagdjahr 2010/2011 bereits 23 Waschbären. Aktuelle Zahlen für das Jagdjahr 2011/2012 liegen der Unteren Jagdbehörde zwar erst Ende Februar vor, Informationen aus einzelnen Hegeringen lassen jedoch bereits eine neue Rekordstrecke für Niedersachsen, aber auch eine Rekordstrecke im Landkreis erwarten.

Der rasante Anstieg der Waschbärpopulation verdeutlicht, dass er sich perfekt an die hiesigen Gegebenheiten angepasst hat und manch anderen Wildtierarten in der Besetzung des Lebensraums überlegen ist. Um auch in Zukunft ein ökologisches Gleichgewicht zu sichern, ist es dringend notwendig, die Waschbären in Niedersachsen nachhaltig und waidgerecht zu bejagen und jegliche Maßnahmen, die zum weiteren Anstieg führen könnten, zu verhindern. Fütterungen und ähnliche Maßnahmen sind daher im Sinne der Ökosystemverträglichkeit nicht zu empfehlen. Diese Forderung stammt im übrigen nicht von der Jägerschaft, sondern wurde in Internationalen Artenschutzabkommen, wie dem Übereinkommen über die biologische Vielfalt (1992, Rio de Janeiro) und der Berner Konvention (1999), festgeschrieben. Im Sinne des Vorsorgeprinzips soll primär die Einbringung weiterer Arten verhindert werden, neue invasive Arten sollen durch ein Frühwarnsystem rechtzeitig erkannt und ihre Etablierung und Ausbreitung – solange dies noch machbar und finanzierbar ist – durch Sofortmaßnahmen verhindert werden. Ist dies nicht möglich oder die invasive Art schon lange bei uns und weit verbreitet, sollen ihre Auswirkungen je nach Einzelfall gemindert werden.

Waschbären sind typische Allesfresser. Neben pflanzlicher Kost, die sie in Form von Früchten, Obst, Eicheln, Bucheckern, Nüssen, Mais u. ä. aufnehmen und deren Anteil nach Untersuchungen 30 – 50 % beträgt, stehen Kleinsäuger, Vögel und deren Eier, Amphibien, Fische, Krebse, Insekten, Würmer und Kleintiere auf ihrem Speiseplan. In bewohnten Bereichen ist die Populationsdichte häufig besonders hoch. Hier werden auch Mülleimer, Müllkippen und Papierkörbe auf Nahrung untersucht und entsprechend verwüstet.

Der Waschbär hat aus seiner nordamerikanischen Heimat einen bisher in Mitteleuropa unbekannten Spulwurm (Baylisascaris procyonis) eingeschleppt. In den USA wird dieser Parasit für schwere Erkrankungen und Todesfälle bei Menschen, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, verantwortlich gemacht, wobei der Mensch ein Fehlwirt ist. Somit stellt der Kontakt mit Waschbären für den Menschen eine Risikoquelle dar, denn eine Infektion der Tiere mit B. procyonis und somit ein Ausscheiden der Eier und den daraus entwickelnden infektiösen Larven ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Verschiedene Untersuchungen von wildlebenden Populationen haben auch in Deutschland je nach Bundesland eine Durchseuchung von bis zu 70 Prozent ergeben.