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Achtung, die Wildunfallgefahr steigt!

Die Damwildbrunft erreicht in der zweiten Oktoberhälfte ihren Höhepunkt und auch das Rehwild steigert seine Aktivität

Die Jägerschaft Rotenburg mahnt die Verkehrsteilnehmer in den nächsten Tagen besondere Vorsicht walten zu lassen, denn in der Zeit von Mitte Oktober bis Mitte November fallen zwei Ereignisse zusammen. Zum einen hat unser heimisches Damwild seine Hauptbrunftzeit, zum anderen steigt die Aktivitätskurve unseres Rehwildes stark an, da es nun Fettreserven für den Winter anlegt und dafür z.B. auf der Suche nach Eichelmast nun häufiger die Straßen überquert.

Das Verbreitungsgebiet des Damwildes hat sich in den letzten Jahrzehnten so enorm vergrößert, dass mittlerweile alle Bundesländer Deutschlands über eine gesicherte Population verfügen. Das Damwild ist im Unterschied zum Rotwild nicht an geschlossene Waldgebiete gebunden. Es verfügt damit über ein sehr großes Lebensraumpotential.

Das Damwild, lateinischer Name Dama dama L., zählt wie das Rotwild zur Familie der Echten Hirsche, ist aber wesentlich kleiner als das Rotwild. Während es der Rothirsch auf eine Schulterhöhe von bis zu 150 cm, bei einem Körpergewicht von bis zu 150 kg bringt, erreicht unser heimisches Damwild lediglich eine Schulterhöhe von bis zu 110 cm, bei einem Gewicht von bis zu 125 kg. Das Fell hat im Sommer eine hellbraune Färbung mit weißen Tupfen, im Winter verfärbt sich die Decke dunkelbraun bis fast schwarz.

Das Damwild bevorzugt gemäßigte Klimate und Waldgemengelagen mit bewirtschafteter Feldflur, in denen es lichte Waldbestände mit einem hohen Anteil an Wiesen, Feldern und üppiger Bodenvegetation bevorzugt. Diese Lebensbedingungen werden in den Niedersächsischen Landkreisen Rotenburg, Soltau-Fallingbostel und Verden scheinbar in geradezu idealer Weise erfüllt. Die Auswertung der Jagdstrecken der letzten Jagdjahre gibt Auskunft über Populationsentwicklung des Damwildes. Nach der Streckenauswertung des vergangenen Jagdjahres entfielen allein 40% (4.442) der Niedersächsischen Damwildstrecke (11.107) auf die drei genannten Landkreise. Im Landkreis Rotenburg, kamen 1.992 Stück Damwild zur Strecke. Im Altkreis waren es einschließlich Fallwild 1.218 Stück Damwild. Der Altkreis Rotenburg kann damit als Damwildschwerpunkt in Niedersachsen bezeichnet werden.

Das Damwild lebt meist gesellig in vielen kleinen, aber auch zeitweise in großen Rudeln, die sich aus mehreren Familien zusammensetzen. Innerhalb dieser Rudel oder Familienverbände gibt es keine strenge Hierarchie oder Rangordnung. Die Zusammensetzung der Rudel kann sich öfter ändern. Tiere (weibliche Stücke) mit Nachwuchs und Hirsche bilden voneinander getrennte Rudel. Damwild ist dämmerungs- und tagaktiv, sucht also in ruhigen Gegenden nicht selten auch während der Tageszeit freie Flächen zur Äsung auf oder verbringt während der Vegetationszeit den Tag über auch in großen Getreide- oder Maisäckern.

In der Brunftzeit sucht das weibliche Wild die traditionellen Brunftplätze der Damhirsche auf, oft gefolgt von den Kälbern und Schmaltieren, also dem Nachwuchs der Vorjahre. Dabei kommt es verstärkt zum Überqueren der Straßen. Auf den Brunftplätzen in lichten Altholzbeständen brunften meist mehrere Schaufler (Hirsche) mit rülpsenden, kehligen Lauten und durch hohe Aktivität um die Gunst der Tiere. Die Schaufler legen dort ihre Brunftkuhlen an und markieren so ihr Territorium. Oftmals erwarten sie darin sitzend die Tiere. Die Hirsche ziehen aber auch unstet umher und wechseln die Brunftplätze. Auch dabei werden häufig Verkehrswege überquert. Beim Damwild sind die älteren Schaufler weniger dominant als beim Rotwild, auch jüngere Hirsche nehmen am Brunftgeschehen teil. Zwischen den Damhirschen kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen während der Brunft, bei denen die Hirsche recht oft Verletzungen davontragen.Das Damwild hat zwar nur einen Anteil von sechs Prozent am Wildunfallgeschehen, zwischen April 2009 und Januar 2010 waren im Altkreis jedoch immerhin 80 Wildunfälle zu verzeichnen, an denen Damwild beteiligt war. Mehr als ein Drittel dieser Unfälle ereignete sich von Mitte Oktober bis Mitte November in der Brunftzeit des Damwildes.

Als besondere Unfallschwerpunkte konnten im Altkreis nachstehende Strassen lokalisiert werden: die K 205 zwischen BÜNTE und WITTORF, die B 215 von UNTERSTEDT bis WALLE, die B 75 von der Kreisgrenze zum Landkreis Harburg bis Rotenburg und schließlich die B 440 zwischen Rotenburg und Visselhövede. Auf diesen Strecken ereigneten sich 43% aller Damwildunfälle.

Das Rehwild, lateinischer Name Capreolus capreolus L., zählt zur Familie der Trughirsche. Seit Beginn des letzten Jahrhunderts hat sein Bestand aufgrund seiner enormen Anpassungsfähigkeit in Mitteleuropa stark zugenommen. Mit einer Größe von 60 – 75 cm und einem Gewicht von bis zu 25 kg ist es an die Lebensweise in dichtem Unterholz gut angepasst. In Niedersachsen kommt es flächendeckend in zumeist hohen Populationsdichten vor. Das Rehwild hat sich vor ca. 25 Millionen Jahren als Bewohner der Buschrandstufe entwickelt. Der hinten leicht überbaute Körperbau kennzeichnet es als Schlüpfertyp. Es verfügt über einen ausgeprägten Geruchs- und Geschmackssinn, mit dem es seine Nahrung selektiv auswählt. Anders als Rot- und Damwild äst Rehwild einzelne Gräser, Blätter, Blüten und andere energiereiche Pflanzenteile. Vereinzelt kommen unterschiedliche Farbausprägungen wie Albinos, Teilalbinos, Schecken und Schwarze Rehe vor. Regional ist in Niedersachsen das Vorkommen schwarzer Rehe nicht ungewöhnlich. Im Unterschied zum Damwild lebt das Rehwild zumeist einzeln und bildet nur über die deckungsarme Zeit eine Zweck- und Solidargemeinschaft. Es handelt sich hierbei nicht um Rudelbildung, sondern um Gruppen unterschiedlicher Größen, die als Notgemeinschaft von mehreren Rehen oder Rehsippen zum Schutz vor Räubern und Störungen während der vegetationsarmen Zeit (Herbst / Winter / Frühling) gebildet werden. Im Sprung herrscht keine Rang- oder Sozialordnung.

Das Rehwild ist sowohl in Niedersachsen als auch im Landkreis die Hauptwildart und war mit 1.084 Wildunfällen der Hauptbeteiligte am Wildunfallgeschehen des vergangenem Jahres. In den Monaten Oktober bis Dezember erreichten die Unfallzahlen mit 459 Rehwildunfällen aufgrund der verstärkten Aktivität allerdings einen deutlichen Höhepunkt. Besondere Unfallschwerpunkte waren mit 28% aller Rehwildunfälle im vergangenem Herbst die B 71 zwischen BÖTERSEN und SÖHLINGEN (89), die B 75 von der Kreisgrenze zum Landkreis Harburg bis Rotenburg (67), die K 205 von SOTTRUM bis WITTORF (56), B 440 zwischen ROTENBURG und VISSELHÖVEDE (48) und die L 131 zwischen ELDORF und DEEPEN (43).

Beim Vergleich der Unfallschwerpunkte zwischen Dam- und Rehwild wird deutlich, dass es sowohl im Bereich der K 205, der B 75 als auch im Bereich der B 440 zu einer Akkumulation der Unfallzahlen beider Wildarten kam. Trotz erster Maßnahmen zur Wildunfallprävention, wie Anbringen von Wildunfallreflektoren, Auslichtung der Straßenseitenräume und Aufstellen von Dreibeinen an Wildunfallstellen, sollten die Verkehrsteilnehmer auf den bezeichneten Streckenabschnitten besondere Vorsicht walten lassen, denn verhindern lassen sich Wildunfälle nur bei einer angepassten Geschwindigkeit von deutlich unter 100 km/h und einer besonderen Aufmerksamkeit.