Der Wolf kommt zurück

Wolfsbeauftragter und Jägerschaft wollen durch Information Vorurteile und Ängste abbauen

Trotz jahrtausendelanger gemeinsamer Geschichte von Mensch und Wolf, die schließlich mit seiner Domestizierung in der Erfolgsgeschichte des Hundes endete, stehen ihm noch Teile der Bevölkerung kritisch bis ablehnend gegenüber. Einst überall in Deutschland heimisch, was zahlreiche Orts- und Flurbezeichnungen noch belegen, wurde er im Laufe des 19. Jahrhunderts in Deutschland weitgehend ausgerottet, während er in Polen, Italien und Spanien bis heute heimisch ist.

Mit dem Nachweis der ersten, in der Muskauer Heide geborenen Welpen im Jahre 2000, sind neben dem Wolf nach mehr als 100 Jahren scheinbar auch die alten Vorurteile und Ängste „vorm bösen Wolf“, nach Deutschland zurückgekehrt. Diesen Vorurteilen und Ängsten wollen Wolfsberater und Jägerschaft durch sachliche Information entgegenwirken.

„Der Wolf stellt eine streng geschützte Art dar, für deren Erhaltung sich die Bundesrepublik im Rahmen des Übereinkommens der international geltenden Berner Konvention als Unterzeichner verpflichtet hat. Auf europäischer Ebene ist er nach der Flora Fauna Habitat-Richtlinie ebenfalls streng geschützt. Den Bundesländern, aber auch den Naturschutzverbänden kommt daher eine besondere Verantwortung zu. Das Land Niedersachsen und die Landesjägerschaft Niedersachsen e.V. begrüßen die natürliche Rückkehr des Wolfes als heimische Tierart. Die mit der Jägerschaft und dem Niedersächsischen Minister für Umwelt und Klimaschutz getroffene Kooperationsvereinbarung zum Umgang mit dem Wolf hat zum Ziel: seine Wiedereinwanderung zu beobachten und zu dokumentieren, Akzeptanz in der Bevölkerung für seine Rückkehr zu gewinnen sowie ein gedeihliches Miteinander von Mensch und Wolf zu fördern. So wurde von der Landesjägerschaft eine hauptamtliche Wolfsbeauftragte eingestellt, die in enger Zusammenarbeit mit dem Niedersächsischem Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten-und Naturschutz (NLWKN) die Rückkehr der Wölfe nach Niedersachsen anhand dreier Kriterien: "Zustand der Population", "Habitatqualität" und "Beeinträchtigungen" erfasst und bewertet“ so Kuno Kumpins, Obmann für Öffentlichkeit der Jägerschaft Rotenburg (Wümme) e.V.

„In Europa leben heute schätzungsweise 18.000 Wölfe. In den traditionellen Wolfsländern hat man sich mit dem Wolf arrangiert, während er bei uns in den vergangenen Jahrhunderten in den Köpfen der Menschen keine nennenswerte Rolle mehr spielte. Wir Menschen in Deutschland müssen daher erst wieder lernen, mit dem Wolf in unserer Nachbarschaft zu leben“, so der FOR Jürgen Cassier, Wolfsberater im Landkreis. „Das die Vorbehalte und Sorgen grundlos sind, zeigt die Tatsache, dass es in den letzten 12 Jahren seit Rückkehr des Wolfes weder einen einzigen Zwischenfall mit Menschen gab, noch einen einzigen Problemwolf gibt“, so Cassier weiter.

Dass es sich bei dem Wolf um keinen Vegetarier handelt, dürfte allgemein bekannt sein. Die Befürchtungen einiger Revierinhaber jedoch, der Wolf würde ihnen das Wild wegfressen, stellen ein weiteres Vorurteil dar, dass sich nach den soeben veröffentlichten Forschungsergebnissen des Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz, nicht bestätigen lässt. Selbst entsprechende Jagdstrecken wiesen trotz zehnjähriger Anwesenheit des Wolfes in der Region keine Schwankungen auf. „Es gibt bisher keine Indizien für einen Rückgang der Schalenwildbestände in den vom Wolf besiedelten Gebieten“, so Kumpins. „Zudem kann davon ausgegangen werden, dass Isegrim seine natürlichen Beutetiere niemals ausrottet. Wölfe wählen ihr Territorium immer so groß, dass die Beutetiere ausreichen, um die Ernährung des Rudels langfristig zu gewährleisten. Das heimische Wild wird sich auf den Wolf einstellen. So wird es zum Beispiel nicht mehr jeden Abend an der gleichen Stelle aus dem Wald austreten. Auf diese Verhaltensänderungen des Wildes muss sich der Jäger einstellen. Vor allem aber wird der Wolf die Jagd keineswegs überflüssig machen“, so Kumpins weiter. Ob und wann der erste Wolf seine Spur im Landkreis hinterlassen wird, ist nicht vorhersagbar. Sollte es zu einer Ansiedelung im Landkreis kommen, ist mit einer Territoriumsgrösse von ca. 200 bis 300 qkm für ein Wolfsrudel zu rechnen. Ein Rudel besteht aus dem Elternpaar, welches meist auf Lebenszeit verbunden bleibt, den Welpen und den Jungtieren aus dem Vorjahr (Jährlinge). „Die Wolfsdichte bleibt pro Territorium jedoch immer konstant, da die Jungwölfe ihre Familie verlassen, um sich ein eigenes Territorium zu suchen. Es gibt also keine Wolfsexplosion auf gleichbleibender Flächengröße“, so FOR Cassier: „Im Übrigen sollten wir den Wolf als Teil der natürlichen Artenvielfalt begreifen und ihm eine Chance geben, statt ihn aufgrund von Vorurteilen und alten Ängsten bereits vor seinem Erscheinen zu verbannen“.